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Inside an Office (where the new King of the Animals was once born)

Geschrieben von 1TAKE! | Veröffentlicht am 12.02.2021 | Animal | 1 777


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Wie jeden anderen Tag auch, so unterschied sich auch dieser Tag zunächst nicht großartig von den Anderen. So wie die anderen Tage zuvor auch wachte ich alleine in meiner Wohnung auf, machte mir ein schnelles Frühstück, zog mich an, fuhr mit dem Bus zur Arbeit und verbrachte meine Zeit dort größtenteils damit, vor meinem Computer Texte und Tabellen niederzuschreiben. Lediglich eine Besonderheit unterschied sich an mir. Seit ein paar Monaten unterhielt ich mich nebenbei mit einer Person via Skype. Wir verstanden uns wirklich gut, sprachen über die verschiedensten Themen und gelegentlich musste ich in manchen Momenten über seine Nachrichten schmunzeln. Der Name des Profils lautete “Lykroz”. Den Ursprung dieses Namens konnte ich nicht herausfinden, dafür fand ich im Internet so gut wie gar nichts. Natürlich hatte niemand etwas von uns beiden auf der Arbeit gewusst; um genau zu sein, ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass dies illegal war; ich habe jedoch die Berichte, welche ich zu bearbeiten hatte, immer pünktlich abgegeben, weswegen niemand auf meiner Arbeit etwas zu bemängeln hatte.

Und irgendwann, es muss kurz nach Elf gewesen sein, schrieb Lykroz mich mit folgender Nachricht an:

“Du sag mal. Hast Du schon mal was von uralten spirituellen Tieren gehört, welche angeblich in uns schlummern sollen?”.

Ich war zunächst über seine Frage verwirrt, doch kurz darauf schrieb ich zurück:

“Ehrlich gesagt hab ich mir nicht Gedanken darüber gemacht”.

“Nicht, dass ich wirklich daran glaube, aber irgendwie bin ich von diesem Gedanken fasziniert. Ich kann aber nicht sagen, wieso. Ich tue es halt”.

“Okay”, schrieb ich verwundert zurück, während ich weiterhin an einem für mich heute so unbedeutenden Text schrieb. “Das klingt aber wirklich spannend”.

“Ich weiß. Pass auf. Ich stelle Dir jetzt eine Frage und bitte beantworte sie mir ehrlich. Was glaubst Du, welches Tier ich bin?”.

“Wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich kann Dich gut als Wolf vorstellen”.

“Klingt irgendwie nicht besonders sanft. Bin ich wirklich so monströs?”.

“Sorry. Nein, so habe ich das nicht gemeint. Also: Wölfe sind in meinen Augen keine Bestien. Vielmehr sind es Tiere, welche von uns Menschen missverstanden werden. Sie sind für uns deswegen so kalt und unbarmherzig, weil wir ihnen nicht nur diese Attribute zuweisen, sondern sie auch genau so behandeln. Aber im Inneren finde ich, dass sie gutmütig sind. Und genau das sehe ich auch bei Dir”.

“Danke sehr. Ich fühle mich sehr geschmeichelt von Dir. Und ich finde, dass ein Löwe zu Dir passen würde. So ein prächtiger, muskulöser Körper, glänzendes Fell, atemberaubendes Gemüt und dazu eine flauschige Mähne würde Dir glaube ich ganz gut stehen”.

“Jetzt fühle ich mich geschmeichelt von Dir. Denn jetzt kriege ich dieses Bild von mir selber nicht mehr aus meinem Kopf raus. Ich als Löwe. Obwohl es komisch klingt, ich könnte mir das gut vorstellen. Nur schade, dass es niemals eine Möglichkeit geben wird”.

“Und was ist, wenn ich Dir sage, dass es eine Möglichkeit geben würde, würdest Du es mir glauben?”.

Sichtlich verwirrt, starrte ich auf den Bildschirm. Ich wollte sie zunächst fragen, was sie damit meinte. Allerdings, oder eher zum Glück, habe ich in dieser Situation gedacht, dass ich wie ein Gentleman sein wollte, weswegen ich ein selbstironisches “Ja, gerne” gesendet hatte.

“Bleibe einfach auf der Arbeit. Ich bin in 15 Minuten bei dir”.

Dies sollten die letzten Worte von diesem Profil gewesen sein. Zwar schrieb ich noch ein Fragezeichen hinterher, weil ich natürlich nicht wusste, was sie mit dieser kryptischen Nachricht meinte, aber ich bekam keine Rückantwort. Und so verbrachte ich die restliche Zeit damit, den Text weiterzuschreiben.

Ich schien die Zeit völlig vergessen zu haben, als plötzlich eine Frau an die Glastür klopfte. Ihre Kleidung verriet mir, dass sie hier arbeite und doch habe ich ihr Gesicht zuvor noch nie gesehen; schien vielleicht eine neue Praktikantin zu sein. Jedenfalls gab ich ihr mittels einer Handbewegung preis, dass sie sich in mein Büro begeben durfte.

Sie zog die Tür hinter sich zu und ging anschließend zu einem der im Raum zwei möglichen Sitzgelegenheiten, wo sie es sich dort bequem machte. Akten hatte sie nicht bei sich, also musste ihr triftiger Grund ein anderer sein, von welchem ich jedoch keine Spur wahrnahm.

“Verzeihung Miss, aber kann ich ihnen irgendwie behilflich sein?”, fragte ich sie mit verwunderten Gesichtsausdruck, während meine Augen auf ihrer Kleidung nach einem Namen suchte; vergeblich.

Darauf sagte sie selbstsicher, “Oh ja, werter Christian, das können sie. Oder sollte ich lieber sagen Coconut808”.

Innerlich war ich nervös, versuchte aber von außen einen nicht besonderen Eindruck zu machen – eine schlechte Angewohnheit, welche die Arbeit verursacht hatte. Dennoch brachte ich etwas stotternd hervor, “Und sie sind wohl Lykroz?”.

“Aufs Stichwort!”, sagte sie gelassen, während sie ihre Beine übereinander legte.

“Wie sind sie hier hereingekommen? Und wie sind sie an die Firmenkleidung herangekommen? Und am wichtigsten, woher wissen sie, wo ich arbeite?”.

“Ich habe meine besonderen Tricks und Quellen”. Sie legte eine kurze Pause ein. “Also, zum Grund weshalb ich hier bin. Du möchtest ein Löwe sein, nicht wahr?”.

“Also bitte!”, sagte ich, während ich ein sarkastisches Ausatmen zwischen den beiden Wörtern dazu legte. “Ich dachte, sie haben diese Frage im Scherz gemeint”.

“Nein, das habe ich nicht”. Die Stimme klang zwar wunderschön, aber zugleich auch sehr trocken und kalt. Sie griff in einer ihrer Rocktaschen und holte dort eine kleine, aber dennoch dicke Glasampulle hervor, welche mit einer grünlich leuchtenden Flüssigkeit gefüllt war; sie erinnerte an radioaktives Material, welches man auch so in einem animierten Cartoon hätte finden können.

„Ich denke, dass wir uns nicht siezen sollten“, sagte sie weiter. „Schließlich kennen wir uns schon seit einiger Zeit. Es fühlt sich so unangebracht an, findest du nicht?“.

Ohne ihre Frage zu beantworten, hakte ich mit meiner nächsten Frage nach: „Wer bist du?“.

„Es spielt keine Rolle, da ich nicht einmal selbst die Antwort kenne“, sagte sie weiterhin emotionslos.

Mein Blick fiel wieder auf die Ampulle mit der merkwürdig, gefüllten Flüssigkeit. Aus meiner Selbstverteidigung heraus, stellte ich ihr somit eine weitere Frage: “Wie kann ich sicher sein, dass dieser Trank mich nicht umbringt”. Darauf öffnete sie den schwarzen Gummiverschluss und trank einen kleinen Teil davon hinunter.

“Und?”, sagte sie darauf. “Reicht dir das?”. Obwohl ich immer noch eine in mir lauernde Skepsis hatte, nickte ich dennoch meinen Kopf, um ihr meine Bestätigung zu geben. Darauf erhob sie sich von ihrer Sitzmöglichkeit und sagte, “Komm. Folge mir”. Ich tat es.

Während wir durch das Bürostockwerk hindurchliefen, schaute ich nervös um mich. Mein Angst-, beziehungsweise Verteidigungszustand befand sich in Alarmbereitschaft, da ich mich davor fürchtete, was passieren würde, wenn mich jemand ansah. Doch dies sollte zum Glück nicht eintreffen.

Ich wusste nicht, wohin wir gingen, zumindest so lange, bis die Frau vor mir scharf abbog; ab hier wusste ich, wohin sie gehen wollte: zu den Toiletten. Sie öffnete mit ihrer Hand die Tür zur Herrentoilette und bat mich freundlich und mittels einer Handbewegung, dort einzutreten. Ich fand dieses Verhalten mehr, als nur verwunderlich. Und dennoch akzeptierte ich ihr Vorhaben.

Die Herrentoilette war leer. Einerseits war dies positiv, da uns so keiner entdecken konnte, aber zugleich auch negativ, da ich so niemanden um Hilfe bitten konnte, wenn es tatsächlich brenzlig werden sollte. Kurz darauf betrat auch die Frau die Toilette, öffnete darauf die eine weitere Tür, welche zu einem der fast schon zahlreichen Kabinen führte. Auch hier bat sie mich, den Vortritt zu überlassen.

In der Kabine angekommen, ließ ich mich auf den erschöpfend auf den Toilettendeckel fallen; der Tag, obwohl er noch relativ jung war, zerrte bereits an mir.

“Warum hast du dich ausnutzen lassen?”, fragte mich die Frau.

“Wie meinen sie … Verzeihung! Ich meine, wie meinst du das?”, fragte ich nach. Obwohl ich die Frage selbstverständlich verwundert fand, so war es für mich überraschend, dass sie in einem sentimentalen, fast schon bemitleidenden Ton ansprach.

“Ich kenne solche Menschen wie dich sehr gut”, sprach sie in gleicher Emotionslage weiter. “In deinem Herzen bist du gutmütig und versuchst es jedem recht zu machen. So liebe ich es bei den Menschen. Nur hast du dich von einigen auf den falschen Weg bringen lassen, damit sie sich aus dir einen Vorteil ziehen konnten”.

“Woher weißt du das?”, fragte ich mit noch größerer Verwunderung nach.

“Du musst wissen, dass ich wahnsinnig gut darin bin, Menschen zu lesen. Nicht, um sie in irgendeiner Weise auszunutzen, sondern vielmehr, um sie so gut wie möglich verstehen zu können. Und bei dir hat es nur wenige Unterhaltungen gebraucht, um dich zu verstehen”. Ich schaute von ihr weg und blickte an mir hinunter; ihre darauffolgenden Worte waren für mich wie verzerrt, dafür hallten die anderen Worte in meinem Kopf unaufhörlich wider. Ich habe es zwar nie vor ihr zugegeben, aber sie hatte recht; mit allem. Den Anderen gegenüber habe ich mich immer mehr und mehr gefügiger gemacht – nach mehreren Jahren kam dann schlussendlich der Punkt, an welchem es für mich keinen Unterschied mehr machte und ich diese permanente Negativität akzeptierte / als normal ansah. Und so marschierte ich durch das Leben und tat nur noch das, was andere sagten. Ob ich es wollte oder mir Spaß machte, war für mich nicht einmal zweitrangig. Es war mir egal. Darum hatte ich diesen Bürojob zugewiesen bekommen. Innerlich wollte ich diesen nicht, aber ich ließ diesen Gedanken niemals an die Oberfläche kommen lassen, da ich es nicht mehr konnte.

“Aber deswegen bin ich hier”, war nach einer gefühlten und depressiven Ewigkeit der erste Satz, welchen ich wieder von ihr hörte. “Um dir zu helfen. Um dich zu dem zu machen, wer du wirklich sein willst. Und nicht, was andere zu dir sagen”. Sie reichte mir die Ampulle, welche ich kurzzeitig wohl vergessen haben musste.

“Ich werde dich jetzt erstmal alleine lassen”, sagte mir darauf die Frau und öffnete darauf die Tür. “Wenn du mir noch irgendetwas sagen möchtest, kannst du es jederzeit tun. Ich werde draußen auf dich warten”. Mit diesen Worten verließ sie die Kabine und zog die Tür hinter sich zu.

Kurz darauf öffnete ich den Verschluss der Ampulle und verschlang die Flüssigkeit in einem Zug runter. Egal, ob die Frau mir die Wahrheit gesagt hatte oder ob es sich dabei um ein tödliches Gift handelte, machte für mich keinen Unterschied. Meinetwegen hätte ich auch dort sterben können und für mich wäre das auch völlig in Ordnung gewesen. Doch das Schicksal sollte sich anders entscheiden.

Denn nur kurz nach meinem schlucken, fing auf einmal mein Inneres des Halses an zu kribbeln. Ich dachte dabei zu Beginn, dass es sich um eine Säure handeln könnte, welche die Wand meiner Speiseröhre verätzte. Doch nur wenige Sekunden später spürte ich, dass es sich um ein Irrtum meinerseits handelte. Der Grund meines Kribbelns lag nämlich merkwürdigerweise darin, dass sich mein Hals für irgendetwas aufbäumte. Dies machte sich auch in meiner Kehle deutlich, welche sich immer trockener und dadurch auch kratziger anfühlte; ich konnte nichts dagegen unternehmen, selbst nachdem ich mehrfach meinen Speichel herunterschluckte, um die Trockenheit anzukämpfen. Und als sich in meiner Kehle ein immer größerer Druck aufbaute, welchen ich jedoch nicht unterdrücken konnte und mit jeder weiteren verstrichenen Sekunde immer unerträglicher wurde, ließ ich irgendwann meinem eigenen Körper freien Lauf und wie bei einem Nieser riss ich fast schon instinktiv meinen Mund so weit wie möglich auf, nur mit dem Unterschied, dass ein langgezogenes und menschliches Gebrüll aus meiner tiefsten Seele entrann, welcher in der Herrentoilette widerhallte. Und ich schämte mich nicht einmal dafür, diesen Ausdruck von meiner animalischen Seite zu präsentieren.

Kurz darauf setzte das zweite Kribbeln ein; es machte sich auf meiner Brust breit. Wegen der aufkommenden, unerträglichen Wärme und meiner stimulierten Gierigkeit riss ich mein Hemd auf und bekam eine Antwort auf das Kribbeln: Meine Brust- und kurz darauf auch meine Bauchhaare fingen an, eine bräunlich-goldene Färbung zu bekommen; ich bekam sozusagen ein Fell – sehr stattlich anzusehen, war es bei mir. Und nicht nur das passierte; wie eine Armee, welche sich auf einem Kreuzzug befand, so expandierte auch das Fell sich in alle Richtungen aus und niemand würde es aufhalten können, weil es für alle Regionen auf meiner Landkarte das Beste war, wenn das neue Königreich über das gesamte Land einherfallen und königlich-friedlich regieren würde.

Nur diese beiden veränderten Eigenschaften haben bei mir ausgereicht, um mein Gemüt schlagartig in die entgegengesetzte Richtung zu lenken. In mir drin spürte ich, wie das Feuer, von welchem ich einst gedacht hatte, dass es bereits vollständig erloschen war, auflodern. Ich bekam die einst mächtige und geballte Kraft aus meiner Kindheit wieder. Die Farben, welche von der Umgebung auf meine Netzhaut prasselten und anschließend von meinem Gehirn verarbeitet wurden, waren für mich nicht mehr weiß, schwarz, dunkelblau oder gar grau, sondern sie alle bekamen einen kräftigen Orangeton, welcher mich an die längst vergessenen Sonnenuntergänge erinnerte. In meinem Kopf hallten die Worte wider, “Niemand wird mehr über mir stehen! Niemand wird mir mehr sagen, was ich zu tun und wer ich zu sein habe! Ab sofort bin Ich der Stärkste und der Beste. Und das sollen alle sehen!”.

Als sich die königliche Expansion an meinen Armen hinunter zu den Händen ausbreitete, fingen diese augenblicklich an zu zittern. Gerade meine Finger bekamen davon den meisten Druck zu spüren, da diese sich zusammenzogen, beziehungsweise kleiner wurden und nur kurze Zeit später Krallen aus meiner Haut herauswuchsen und im Licht der Kabinenlampe aufblitzten. “Oh ja, wie das mir gefällt”, dachte ich mir und fuhr zeitgleich mit meinem neuen Instrument über die Beschichtung der Tür, welche unter dem lauten Kratzen sichtlich gezeichnet wurde.

Doch ehe ich noch länger über meine neu gewonnenen schwarzen Klauen nachdenken konnte, merkte ich ab diesem Zeitpunkt, dass meine Hose mittlerweile zu eng für meine Extremitäten geworden war. So sehr, dass nur wenige Momente später meine Hose und Unterhose an ihren Nähten riss und somit meine “nackte Haut” meines Unterkörpers zum Vorschein kam. Und nicht nur das: Auch meine Schuhe fühlten sich mit jeder weiteren Sekunde immer enger an meinen Füßen an. Und so geschah das, was gesehen musste: Die Schuhe zerrissen in ihrer Mitte und meine verwandelten Füße erblickten zum ersten Mal das Licht der Welt. Jedoch waren diese nicht für den menschlichen Gang geschaffen, weshalb mein Körperstandpunkt ins Wanken geriet und ich dadurch aus Versehen reflexartig meine Vorderpfoten auf die Türklinke abstützte. Dadurch öffnete sich die Kabinentür und somit fiel ich auf alle Vieren in dem Flur der Herrentoilette; vor mir befand sich die mysteriöse Frau, dessen Vorderkörper zu meinem Gesicht gerichtet war.

Und Apropos: In der Nähe meines Gesichtes, genauer gesagt an meinem Hals, sprossen wie bei einer Fontäne unzählige Haare aus meiner Haut heraus, welche sich zu einem kreisförmigen Fellbusch entwickelten. Darauf bückte sich die Frau zu mir runter und fing an meine neu gewonnene Mähne zu kraulen; wie bei einer Katze verschloss ich die Augen, verdrehte mein Gesicht ein wenig und ein leises Schnurren entwich meinem Mund.

“Du wirst ein stattlicher Löwe werden”, sagte sie mir noch im Anschluss. In ihrer Aussprache verspürte ich ihre geballte Kraft, doch irgendwie auch eine gewisse Form der Gebrochenheit, weswegen auch immer. Doch mir blieb erneut keine Zeit, um darüber nachzudenken, da schon die nächsten körperlichen Prozesse eingeleitet wurden.

Meine Extremitäten knackten und bogen sich, um der neuen Körperhaltung immer weiter gerecht zu werden. Ab diesem Punkt hätte schon jeder annehmen können, dass ich schon immer ein Löwe gewesen war, doch die entscheidenden Punkte der Verwandlung sollten sich erst ab da ereignen. Der erste Punkt war, dass eine gewisse Stelle oberhalb meines Gesäßes anfing zu zucken; als wolle etwas hinauswachsen; das tat es auch. Mein Steißbein, welches bei jedem Menschen das Ergebnis der über Jahrtausende stattgefundenen Rückentwicklung des Schwanzes unserer Vorfahren war, entschied sich, aus meinem Körper hinauszuwachsen und seinen einstigen Nutzen vor hunderttausenden von Jahren wieder zu erfüllen. Immer länger und dicker wurde Dieser, mit goldenem Fell übersät und an dessen Ende wuchs eine Art Puschel mit der Haarfarbe meiner Mähne.

Doch mein Gesicht hatte sich noch nicht dem Kunstwerk unterzogen, weshalb es nur eine Frage der Zeit war, bis auch Dieses sich verändern musste. Es ging immer mehr in die Breite, jedoch mein Kiefer in die Länge. Die Nase flachte stark ab und fing an feucht zu werden, was auch dazu führte, dass mein Geruchssinn sich ungemein verfeinerte. Auch die Zähne veränderten nicht nur ihre anatomische Position, sondern auch ihre Form. So sehr, dass mein neugewonnenes Gebiss mühelos Muskelgewebe, auch Fleisch genannt, von einem Körper jeglicher Art reißen konnte.

Und dann hörte der vermeintliche Zauber plötzlich auf. Kein Zucken, kein Strecken und kein Zuwachs mehr. Nur ein Löwe, der nicht in dieser vermeintlichen Szenerie einer Herrentoilette passte und eine Frau, welche die Existenz dieses Tieres zu verantworten hatte.

Darauf beugte die Frau sich zu mir hinunter und fing an, meine Mähne zu kraulen; die darauffolgende Reaktion war wie bei einer Katze - schnurrend, den Kopf leicht zur Seite geneigt und die Augen geschlossen.

“Wie ich sehe, scheinst du an Deinem neuen Körper gefallen zu finden”, keuchte mir die Frau leise in mein Ohr hinein. Darauf blickte sie sich um, was ich trotz meiner geschlossenen Augen merken konnte und sprach etwas gebrochen, “Nur werden die Menschen hier nicht Deine Meinung teilen. Sie würden entweder vor Dir davonlaufen, Dich gefangen nehmen oder töten. Und da ich möchte, dass du etwas Besseres verdient hast, als diese Optionen, werde ich Dich an einen Ort bringen, an dem niemand mehr über Dich verfügt, niemand dir vorschreibt, was du zu tun, wer du zu sein hast, niemand mehr über dir steht und für immer der sein kannst, der du willst”.

Während Sie mir weiterhin meine Mähne kraulte und ich dementsprechend immer noch meine Augen geschlossen hatte, konnte ich leider nicht erkennen, was als Nächstes geschah, weshalb ich mich nur auf meine inneren Instinkte verlassen konnte. Um mich herum ertönte ein Geräusch, welches ich zuvor nur aus Filmen gehört habe, wenn gewisse Protagonisten sich von einem Ort zum Anderen auf eine schnelle Art und Weise teleportieren. Diese Theorie wurde darüber hinaus auch weiter dadurch bestätigt, dass die Temperatur auf meinem Fell sich schlagartig von einer kühlen, klimatisierten Abneigung zu einer warmen, trockenen und wohlriechenden Zuneigung wurde. Nur einen Moment später öffnete ich meine Augen und egal, wohin ich auch sah, erblickte ich eine weitläufige Savanne.

Die Frau, welche sich immer noch an mich klammerte, löste sich von mir, erhob sich und ging einen Schritt von mir zurück. “Es tut mir leid”, sprach sie darauf, “aber ich muss jetzt gehen”. Ihr Gesicht zeigte erneut eine gewisse Gebrochenheit, welche ich wiederum nicht richtig deuten konnte und auch nicht wirklich verstand, weshalb sie da war. Doch ehe ich genauer darüber nachdenken konnte, ertönte das gleiche Geräusch, mit welchem wir beide offensichtlich in diese Savanne gereist sind und sie war von einem Moment auf den anderen verschwunden; ausradiert, als hätte es sie nie gegeben.

Doch ich war wirklich nicht traurig darüber. Vielleicht ist ja besser für einen selbst, wenn man nicht alles bis ins letzte Detail kennt. Trotzdem bin ich ihr sehr dankbar, dass ich sie kennenlernen durfte und mich zu etwas gemacht hatte, von dem ich mehr als nur stolz bin. Gemeinsam mit meiner Partnerin stehe ich sogar kurz davor, meine Blutlinie zu erweitern. Ich merke zwar immer mehr und mehr, wie schwerer es mir fällt, mich an mein früheres Leben zu erinnern, aber ich habe keine Angst davor. Vielleicht ist es ja besser so, wenn ich mich an meine schlechte, alte Vergangenheit gar nicht mehr erinnere.


don't say you lose just yet / get up and move ahead / and not only for yourself


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