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Des Konigs Gattin

Geschrieben von 1TAKE! | Veröffentlicht am 06.08.2021 | MtF | 2 1119


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Von der Entführung zur Flamme

Zunächst hatte ich geglaubt, dass mein Leben schon bald vorbei sein würde. Einfach alles schrie förmlich danach, seitdem ich wieder zu Sinnen kam. Ich stellte dabei fest, dass ich gemeinsam mit anderen Personen, dessen Herkunft und Persönlichkeiten ich nicht kannte, in einer Kutsche in Fesseln angekettet war und hatten keine Möglichkeit, außerhalb der vier Wände hinauszublicken.

Es klingt bis hierher zunächst wie der Anfang eines literarischen Werkes. Jeder andere Autor würde hier jetzt einfügen, dass der Protagonist keine Ahnung hat, wie er hierhergekommen ist, noch was dieser hier soll. Nur leider trifft dies nicht auf meine Geschichte zu. Ich weiß zur Überraschung ausnahmsweise mal sehr gut, wohin meine Reise geht; sie führt zum Vorhof des Palastes des Königs unseres Landes. Aus heutiger Sicht ist es unvorstellbar, aber damals war der König einer der meistgehassten Personen unserer Nation. Er ließ dutzende von Männern entführen und brachte sie an den eben erwähnten Ort. Man hörte in der Gesellschaft alles Mögliche, was mit den Männern dort angestellt werden würde. Es gab die Patrioten, welche das Vorhaben des Königs dadurch begründeten, dass es um die Sicherheit des Volkes geht. Dann gab es die Kritiker, welche ihm vorwarfen, dass er seine Machtposition für seine eigenen Interessen ausnutzen würde. Und wieder andere waren der Ansicht, er entführe sie, um sie zu foltern und sich an ihrem Leide zu ergötzen. Das Volk konnte dennoch so kreativ sein und es so realistisch wie möglich begründen, niemand wusste wirklich, was im Vorhof mit den Männern geschah. Und nun war es scheinbar an der Zeit, dass ein Bettler und fünf weitere Personen, gefangen in einer Kutsche zum gefürchtetsten Ort des Landes gebracht wurden.

Irgendwann stoppte die Kutsche und ließ uns aus unseren Halbschläfen erwachen. Der Vorhang öffnete sich und dahinter standen Soldaten, dessen Anzahl ich jedoch nicht genau beurteilen konnte. Derjenige, welcher die Fackel in der Hand hielt, trat hervor und sagte zu uns in einem scharfen Ton, dass wir jetzt aufstehen sollen. Während wir alle damit beschäftigt waren, uns unter dem Schock zitternd zu erheben, holte der Soldat einen Schlüsselbund hervor und steckte eines der zahlreichen Schlüssel in das außenstehende Schloss, drehte es zweimal und ließ die hochstehende Wand zu sich ziehen. Darauf befahl er uns zu folgen. Wie Sklaven gehorchten wir ihm und gingen in zwei Reihen - jeweils angekettet, sodass ja niemand entkommen konnte - die Rampe hinab und folgten stur, weil wir auch sonst keine anderen Möglichkeiten hatten, dem vorderen Soldaten. Und als wir hörten, nachdem wir über den weiten Hof gehetzt und anschließend zum großen offenstehenden Tor durchgebracht wurden, wie die Türen ins Schloss fielen, war uns endgültig bewusst, dass dies kein Traum war.

Wir wurden durch die verschiedensten Gänge gebracht. Die umstehenden Soldaten blieben weiterhin harsch und befahlen uns, schneller in unserer Bewegung zu werden. Das dies jedoch leichter gesagt, als getan war, da wir mit schweren Eisenketten und -schellen befestigt wurden, schien sie scheinbar weniger zu interessieren, zumal sie uns verbaten, sprechen zu dürfen. Alles deutete darauf hin, dass wir demnächst in einen Kerker gesteckt und dort elendige und lange Qualen erleiden mussten; geistige, wie körperliche. Und wie durch ein Wunder kam es schlussendlich doch anders.

Der vordere Wärter holte erneut seinen Schlüsselbund hervor und steckte wieder eines der zahlreichen Schlüssel in das Schloss der Tür, welches sich vor uns befand. Als er damit fertig war, drückte er beide Türhälften nach vorne und wir bekamen Einblick in einen Raum, welcher einen starken Kontrast zu dem hatte, was wir glaubten, erwartet zu haben.

Der vorherige Gang war aus einer Art Stein gebaut, welche an jeder erdenklichen Stelle uneben war; nicht nur auf dem Boden, sondern auch an den Wänden und der Decke. Darüber hinaus hatten wir grundsätzlich keine Probleme damit durch den Korridor durchzulaufen, ohne das Gefühl der Enge zu empfinden. Jedoch konnte man diese “Freiheit” nicht mit dem Vergleichen, was der andere Ort zu bieten hatte.

Es war ein großer Raum, welcher unzählige von Metern in die Höhe gebaut war. Die acht gleichmäßig verteilten Säulen sorgten dafür, dass die Decke mit ihren prunkvoll verzierten Gemälden nicht auf uns hinunterfiel. Die Böden und Wänden waren mit glattem Mosaik verzogen, welche mit beeindruckenden Farben und Mustern verziert wurden. Doch die Hauptattraktion des Raumes war ein gigantisches Bad, welches mit klarem, sauberen Wasser befüllt war, wie ich es zuvor nur auf Gemälden gesehen habe.

Genervt drehte sich der vordere Wächter zu uns um und befahl uns alle sich auszuziehen. Während wir dies alle taten, weil uns auch sonst nichts anderes übrig blieb, erklärte er uns in der Zwischenzeit, dass wir das Bad so lange benutzen dürfen, wie wir es für nötig hielten. Ich staunte nicht schlecht, nachdem er dies zu uns gesagt hatte. Wer hätte auch damit rechnen können, dass ein Obdachloser, wie die anderen Fünf auch, ein großzügiges Bad erhalten würden, welches sonst nur für Menschen aus der Oberschicht privilegiert war?

Nachdem wir uns alle der Kleidung entledigten und uns anschließend voreinander so standen, wie Gott uns erschaffen hatte, bewegten sich die Wächter in die Richtung zurück, aus welcher sie, gemeinsam mit uns, herkamen, zogen die Tür ins Schloss und ein metallenes klicken war zu hören. Und dann, nachdem die Echos in der Halle aushallten, herrschte für eine unangenehm lange Zeit Stille.

Zum Glück wurde diese jedoch schnell durchbrochen, da es sonst peinlich für uns alle gewesen wäre, wenn wir nicht diese Großzügigkeit annahmen. Also machte sich einer von uns auf dem Weg zum Bad - es waren im Übrigen seine Schritte, welche uns alle in die Realität zurückversetzten. Wir alle beobachteten ihn mit großen, offenen Augen, als wäre er ein Engel, welcher von Gott höchstpersönlich geschickt wurde, darauf wartend, dass er ein womögliches Wunder verbringen würde. In diesem Fall war jedoch sowohl der Unbekannte, als auch das Wasser selbst das Wunder an sich. Denn ohne den Unbekannten wäre das Wasser, wenn auch das reinste, was ich bis zu meinem heutigen Leben gesehen habe, nicht mehr, als eine weitere Flüssigkeit unter vielen Anderen gewesen, welche nicht diese bildgewaltige Aura ausgestrahlt hätte. Und ohne das Wasser wäre der Unbekannte nicht mehr, als ein nackter Mann, welcher sich nicht von den anderen, zum Teil besser aussehenden Männern, unterschied. Aber selbst wenn beide anwesend waren, konnte immer noch nicht das wahre Wunder vollbracht werden. Das wurde es erst, als der Unbekannte vorsichtig seinen Fuß ins Wasser steckte und sein vollständiger Körper augenblicklich entspannte.

Wir alle beobachteten ihn noch ganze Weile, bis auch sein Bauchnabel unterhalb der Wasseroberfläche verschwunden war. Der Unbekannte wunderte sich über unsere Blicke und bat, eventuell zwang uns sogar dazu, in das Wasser einzutauchen. Wie hypnotisiert ging ich auf das Bad zu und als ich, als Letzter wohlgemerkt, meine Füße ins Wasser eintauchte, durchströmte mich ein Gefühl, welches Glücklich machender nicht hätte sein können. Ich merkte sogar, wie mein Penis sich zu einer Erektion aufbaute. Zum Glück bekamen die Anderen davon nichts mit, da ich schnell ins tiefe Wasser eintauchte, sodass meine untere Körperhälfte letztendlich verschwand.

Die Entspannung, in welcher wir uns befanden, schien die Zeit sich zu verlangsamen. Diese Erkenntnis nutzten wir aus, indem wir uns näher kennenlernten, uns unterhielten und uns gegenseitig mit Informationen austauschten. Und für diesen Augenblick vergaßen wir völlig, dass wir soeben entführt wurden und wir auch sonst keine Ahnung hatten, was auf uns zukäme.

Als wir alle irgendwann keine Motivation mehr verspürten, noch weiter im Wasser zu bleiben und dementsprechend unsere nackten Körper wieder die Luft um uns herum verspürten, trat hinter den Säulen eine Dame hervor, welche in einem eleganten Kleid eingehüllt wurde, welches mich an einigen Kunstwerken von Schneidern erinnerte, welche sie gelegentlich hinter ihren Vitrinen ausstellten. Sie bat uns ihr in unsere Schlafgemächer zu folgen. Wir gehorchten und folgten ihr, wie die Schafe einer Herde. Wobei ich eher das Gefühl hatte, dass die Anderen ihr “gedankenlos” folgten, da ausnahmslos alle von ihnen eine Erektion beim Anblick der Dame von “hinten” bekamen. Noch dazu fingen sie alle an miteinander zu flüstern und sich darüber austauschen, mit welchen Mitteln man so eine Frau - ich persönlich bevorzuge es lieber mit dem Wort “Dame” - in eine gewisse “Stimmung” bekommen und wer schaffen würde, sie als Erster zu besteigen. Nicht, dass ich ihren Anblick nicht erotisch fand, aber ich bemühte mich weitestgehend, dies so gut wie ich es konnte zu unterdrücken; mit kleinem Erfolg, würde ich rückblickend sagen.

Die Dame brachte uns zu einer Holztür und öffnete sie sogar für uns. Dahinter befand sich ein Raum, welcher in meinem Gefühl größer war, als die Wohnung, in der ich ehemalig lebte, bevor ich rausgeschmissen wurde. Insgesamt sechs einzelne Betten waren im gesamten Raum verteilt, allesamt sauber und für mein damals ungeschultes Auge exzellent bezogen. Auch sah ich ein gewaltiges Fenster, welches zu einem Balkon führte, von welchem man aus den gesamten Vorhof erblicken konnte. Als krönender Abschluss gab es noch eine Tür, welche zu einem kleinen Waschraum führte.

Als wir uns alle im Raum befanden und alles ansahen, was uns auch nur ansatzweise ins Auge fiel, lenkte die Dame wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie sprach in einem ruhigen Ton davon, dass wir demnächst schlafen sollten, da einerseits um diese Uhrzeit Ruhepflicht herrschte und andererseits, weil für uns morgen ein besonderer Tag kommen würde, für welchen wir ausgeschlafen sein sollten. Danach zog sie die Tür zu und verschloss diese. Aufgebracht waren wir deswegen nicht, weil unsere Begeisterung für den Raum wieder entfachte. Doch schon nach ein paar Minuten wurden wir allesamt schläfrig, weswegen wir uns alle in unsere Betten fallen ließen. Zuvor wurde natürlich noch ausdiskutiert, wer wo schlafen sollte, allerdings hatte das Gespräch sich derart in die Länge gezogen, dass ich mich einfach auf das “beste” Bett hinlegte - es handelte sich um den Fensterplatz. Erst dann erkannten sie, wie dämlich ihre Debatte war, weshalb sie sich einfach auf irgendeines der Betten hinlegten und zum Glück alle nach wenigen Minuten einschliefen.

An diejenigen, welche sich auch nur ein bisschen mit Psychologie auseinandersetzen, werden wahrscheinlich schon gemerkt haben, dass ich eine Persönlichkeit besitze, welche bei Tätigkeiten, die in der normal erzogenen Gesellschaft als legitim erachtet werden, in Wahrheit allerdings nicht mehr, als eine Befriedigung der niedersten Instinkte sind, immer als Letztes mitmache. Nur leider kann diese Stärke von mir in manchen Situationen auch als Schwäche bezeichnet werden. So auch am darauffolgenden Morgen, als mir die Klamotten ins Gesicht geworfen wurden und ich erst einige Sekunden später realisierte, dass die Anderen bereits aufgestanden und fertig angezogen waren und demnach ungeduldig auf mich warteten. Und da es mir unangenehm war, wie sie mich anstarrten, zog ich mich schnellstmöglich um und war in unter einer Minute fertig angezogen. Dennoch blieb mein Innerstes schläfrig und träge, was die Anderen jedoch nicht zur Kenntnis nahmen.

Die Zimmertür öffnete sich, die gestrige Dame trat hervor und bat uns auf ein weiteres, ihr zu folgen. Wie willenlose Menschen gehorchten wir ihr. Dennoch konnten die Anderen es wieder nicht lassen, über den gleichen Schwachsinn von gestern zu reden. Allein die Widerlichkeit ihrer Gespräche sorgten (zum Glück) schon dafür, dass ich keine Erektion verspürte.

Wir wurden darauf in einen Raum gebracht, in dem nicht mehr, als ein paar Fackeln an den Wänden die einzigen Lichtquellen waren. Im Raum selbst waren sechs längliche Tische, bei welchen man das eigentliche Material nicht erblicken konnte, da dieses von zahlreichen Laken und anderen weichen Bestandteilen verziert wurde. Abgeschlossen wurde dieses Gesamtbild nur noch durch die Tatsache, dass sich an jedem der Tische eine weitere Frau befand, welche anscheinend auf uns gewartet haben.

Die Dame bat uns, sich von unseren Kleidern zu entledigen und uns dann auf einem der Tische hinzulegen. Ohne weiteres führten wir ihre Bitte aus. Danach klatschte sie in ihre Hände und augenblicklich begannen die anderen Damen ihr Werk. Kurz nachdem sie begonnen haben verließ die Dame den Raum und verschloss die Tür - damit verschwand auch die einzige Lichtquelle, welche nicht von einer Fackel ausging.

Bis heute würde ich sagen, dass die Zeit in diesem Raum einer der besten Momente war, welche ich auf dem Vorhof durchlebte. Zunächst fingen die Damen an, uns sämtliche Haare auf dem gesamten Körper zu entfernen. Sie verwendeten dabei eine Art Öl und eine kleine Klinge, um dies zu bewerkstelligen. Der Nutzen der Klinge ist selbsterklärend, weshalb ich diesen nicht erläutern werde. Viel interessanter ist die Flüssigkeit, welche vor dem Abschneiden auf unserem Haupt aufgetragen wurde. Die offensichtlichste Wirkung besagt, dass das Haar durch die Aufnahme der Flüssigkeit anfängt spröde zu werden, was es somit der Klinge leichter macht, das Haar zu durchtrennen. Der zweite und übersehbare Nutzen zeigt sich in der Anwendung auf der Haut. Das Öl lässt die Hautschichten straffer werden, sodass Wunden seltener durch den Einsatz der Klinge auftreten, aufgrund der Unebenheiten der Haut, welche bei Obdachlosen Menschen sehr häufig aufzufinden sind.

Um aber auf die Damen zurückzukommen: sie haben bei jedem von uns großartige Arbeit geleistet. Bei jedem von uns sollte es keine Stelle geben, welche nicht von der Klinge verschont blieb. Sogar der Kopf, Hintern und der Hodensack mussten daran glauben. Als sich aus der Sicht der Damen kein einziges Haar mehr auf unseren Körpern befand, setzte ihr zweite Phase der Pflege ein: die Massage. Oder wie ich es nenne: Der Moment, indem wir unaufhörlich stöhnen. Was auch immer die Damen vollbrachten, fühlte sich unglaublich gut an. So sehr, dass ich es gar nicht fassen konnte, wie sehr mein damaliger Körper verspannt war. Doch irgendwann, als die Damen merkten, dass es nichts mehr an den Körpern zu auszukorrigieren gab, baten sie uns, von den Liegen zu erheben und uns zu folgen. Ich bin mir sicher, dass in allen von uns ein bisschen Enttäuschung einsetzte, was das Aufhören der Massage anbelangte. Die Damen folgten hingegen nur ihre Befehle, brachten uns in den hinteren Teil des Raumes und sie bereiten uns auf die dritte Phase vor, welche unsere Leben für immer verändern sollten. Dazu rieben sie, wie auch schon bei der Haarentfernung jede erdenkliche Stelle unserer Körper mit Öl ein, bis wir eine glänzende Schicht auf uns hatten. Darauf brachten sie uns ein paar Schritte zurück, nahmen je eine Fackel in ihre Hand, welche sie aus den Wänden heraus genommen haben, stellten sich vor uns und mit ruckartigen Bewegungen brachten sie das Feuer zu unseren Körpern. Das Öl sorgte schlussendlich dafür, dass unsere Körper innerhalb kürzester Zeit in Brand standen. Alle von uns bekamen im ersten Moment Panik, da unsere Gehirne, welche zuvor in der Tiefenentspannung waren, sofort in einer höheren Geschwindigkeit arbeiteten mussten. Doch nach nur ein paar Sekunden stellten wir fest, dass wir keine Schmerzen empfanden. Nicht einmal Verbrennungen konnten wir auf unserer Haut erblicken. Und so schnell wie sich das Feuer auf unserer Haut entfacht hatte, so schnell verschwand es auch. Dennoch realisierten wir schnell, dass sich an uns etwas anders anfühlte, als gewöhnlich. Ein Blick durch unsere Augen verriet uns auch weshalb. Zuvor waren sechs Damen in diesem Raum anwesend gewesen. Mittlerweile waren es doppelt so viele. Die eine Hälfte war gekleidet, die andere nackt. Sprachlos schauten wir uns gegenseitig an, auf die glatten Körper von jungen Frauen, welche uns vertraut und dennoch für uns unbekannt waren.

Die Lehre der Frau

Nach der “Verbrennung” baten uns die Damen, unsere alten Klamotten wieder anzuziehen. Anschließend brachten sie uns zurück auf unser Zimmer, worauf sie die Tür abschlossen und uns über den voranschreitenden Tag alleine ließen. Erst hier erkannte ich, dass die vom Vorhof bereitgestellten Klamotten am ehesten für Frauenkörper geeignet waren.

Für uns gab es keine Möglichkeit zu entkommen. Die Holztür selbst war abgeschlossen und die Glastür, welche zum Balkon führte, war von außen durch ein großes Objekt versperrt, dessen Name mir leider entfallen ist; auch weiß ich nichts mehr, aus welchem Material es bestand und welche detaillierte Form es besaß. Das Einzige, was ich darüber noch wusste, war, dass noch etwas Sonnenlicht aus einem kleinen Spalt oberhalb des Glases hindurchschien. Es war zwar nicht viel, aber dennoch ausreichend, um die groben Umrisse innerhalb des Zimmers zu erkennen.

Ab diesem Teil meiner Geschichte ist das Verhältnis zum Kollektiv, welches ohnehin schon unbeschreiblich schwach gewesen war, endgültig gebrochen worden. Sie entledigten sich ihrer Kleidung, nur um sich gegenseitig nackt ansehen zu können. Aber da sie allem Anschein nach noch nie eine nackte Dame aus dieser Nähe gesehen haben, wollten sie sich ihre Chance nicht vergehen lassen, weswegen sie anfingen, sich gegenseitig anzufassen. Hierfür hatte ich keine Worte mehr übrig. Die anderen Male habe ich zumindest im Ansatz verstanden, weswegen man einer Dame “nacheifert”. Auch in dieser Situation war dies wahrscheinlich der Fall gewesen, der Kontext jedoch war zutiefst perfide. Sie wurden allesamt vor wenigen Minuten in Brand gesetzt und sind mit ihrem gegenteiligen Geschlechte, wie bei einem Phoenix aus der eigenen Asche wiedergeboren worden. Anstatt der Angst, Verwunderung oder zumindest der Hinterfragung, welche Ich allesamt in diesem Moment verspürt hatte, waren es bei denen das gegenseitige Begaffen und Stimulieren. Die eventuell ausweglose Situation, in der wir uns alle befanden, schien sie (bis zu dem Tage, an welchem ich sie das letzte Mal sah) nicht mehr zu interessieren.

Der Tag wollte jedoch zunächst kein Ende nehmen, was dadurch zustande kam, dass ich keine Möglichkeit hatte, mich mit einem Zeitvertreib zu beschäftigen, außer dem Zuhören der lustvollen Stöhner meiner (zukünftigen) Mitbewohner. Während sie ihr Geschäft weiterhin verrichteten, dachte ich währenddessen immer wieder an die Kirche, welche mir damals eingetrichtert hatte, dass die Selbstbefriedigung eine Sünde vor Gott höchstpersönlich sei. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass dies der absolute Schwachsinn ist, aber damals fand ich es äußerst bizarr, wie selbstverständlich sie sich stimulierten und dies keine späteren Konsequenzen nach sich zog. Dieser Gedanke und noch einige weitere, welche ich allerdings vergessen habe waren an diesem Tag mein einziger Zeitvertreib, welcher die Zeit zwar nicht gänzlich beschleunigte, allerdings war diese Tätigkeit immer noch besser, als sich nur mit dem Gestöhne auseinanderzusetzen. Die Frauen fragten mich zwar sehr oft, ob ich denn nicht bei ihnen mitmachen wollte, lehnte zum Glück jedoch jedes einzelne Angebot ab. Einmal wollte mich einer der Frauen sogar aus dem Bett zerren, sodass ich gezwungen war mitzumachen. Jedoch wehrte ich mich dagegen, indem ich ihr in den Bauch tritt. Nicht die beste Botschaft, die ich ihnen vermittelt habe, aber sie reichte aus, dass sie mich in Ruhe ließen.

Die Nacht brach nach einer gefühlten Ewigkeit endlich an und die Frauen legten sich in ihre Betten, worauf sie nach kurzer Zeit einschliefen. Genau auf diesen Moment (der Ruhe) hatte ich sehnsüchtig gewartet und doch konnte ich einfach nicht einschlafen. Ich legte mich somit vorläufig auf den Steinboden, damit mein Körper zumindest so etwas wie Anstrengung verspüren konnte. Nach einer gewissen Zeit der Ungemütlichkeit ging ich zum Bett zurück und konnte besser einschlafen - es dauerte noch eine Weile bis dahin, aber diese Methode hatte immerhin funktioniert.

Am darauffolgenden Morgen erhoben wir uns aus unseren Betten - ich war wieder der oder die Letzte, je nachdem, ob man meinen Geist oder Körper betrachten würde -, zogen uns an und gingen durch die Tür. Draußen warte wieder dieselbe Dame vom Vortag und bat uns erneut, ihr zu folgen. Sie brachte uns darauf in einen Raum, welcher diesmal besser erleuchtet war, als der Gestrige. Darin befand sich eine Zeichnerin auf einem Holzstuhl ohne Lehne, welche ein Holzbrett und einen Bleistift in ihren Händen hielt. Vor ihr war ein weiterer Stuhl, auf welchem aber noch niemand saß. Die Dame schickte eine Frau nach der anderen nach vorne hin, worauf sie sich vor der Zeichnerin hinsetzen und stillhalten mussten. Denn was ich aus meiner Perspektive nicht erblicken konnte, war, dass sich auf dem Holzbrett Papiere befanden, welche später als Deckblatt für unsere Akten dienten. Hineingeschrieben wurden die für den Vorhof nur relevantesten Informationen für die jeweilige Person. Bevor dies jedoch geschehen kann, muss zunächst in einem großen Rechteck in der oberen rechten Ecke des Papiers eine Skizze des Gesichts der jeweiligen Person angefertigt werden, damit diese später leichter zu identifizieren war.

Jede der einzelnen Frauen wurde der Reihe nach aufgerufen. Wie auch schon beim Aufstehen, so war auch ich als Letzter oder Letzte dran. Auch war meine Sitzung länger, als bei den Anderen, obwohl ich heutzutage der Ansicht bin, dass es eher mein Gefühl war.

Als die Zeichnerin auch endlich mit der Skizzierung meines Gesichts fertig war, wurden wir von der Dame zu einem weiteren Raum gebracht. Dort befand sich eine kleinere Anzahl von Tischen auf welchen bereits einige Frauen saßen. Von der Dame wurden wir auf unsere vorgegebenen Plätze verwiesen. Darauf verließ uns die Dame und ein Mann mittleren Alters betrat den Raum, holte aus seiner Tragetasche seine Unterlagen hervor und begann zu reden. Und damit begann der Schwachsinn; zumindest nenne ich ihn so, wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke.

Relativ schnell wurde mir und den anderen Frauen bewusst, dass dies ein Ort war, an welchem man zu einer Frau mittleren Volkes umerzogen wurde. Über zwei Jahre hinweg wurde uns beigebracht, wie es ist, sich als Frau zu verhalten, sich zu kleiden, zu gehen, zu benehmen, zu essen, den hauswirtschaftlichen Pflichten nachzugehen, Kinder zu stillen, großzuziehen und zu Erziehen - am besten gewaltvoll - und am schlimmsten, die Gegenwart des Mannes zu respektieren und diese zu akzeptieren. Auch wurden wir an verschiedenste Aktivitäten und Arbeiten gebunden, die für eine Frau ihres Standes üblich war, um uns, so sagte man, somit “besser als Frau fühlen zu können”. Außerdem setzte man uns Mahle vor, die selbst für unser Geschlecht zu Nährstoffarm waren, damit unsere Körper den Idealvorstellungen der Männer gerecht werden konnten. Und damit keine Frau diese Probleme erkennen konnte, wurden sie und einschließlich auch ich mit Belanglosigkeiten dauer- beschallt. Erzählungen und Geschichten, die keinerlei tiefen Sinn besaßen, wurden uns vorgelesen, sodass wir alle gemeinsam mitlachten und -kicherten und uns damit identifizieren sollten. Und um ehrlich zu sein, auch bei mir hatte es in einigen Situationen funktioniert, dass ich mich dem Fluss der Gemeinschaft unterwarf. Zum Glück hielt ich mich jedoch die meiste Zeit über vom großen Wasserstrom fern, sodass ich nicht gänzlich von diesem verschlungen wurde.

Und irgendwann, ohne dass ich es merkte, sollte es mein letzter Tag am Vorhof sein. Man sollte mich in den vorläufig letzten Raum dieses Ortes bringen, ehe ich mein Leben als “vollwertige Frau” beginnen und ich dieses bis zu meinem Tode verbringen sollte. Doch es kam alles anders, als erwartet.

Des Königs Audienz

Ich stand in einer Schlange mit neun weiteren Frauen; zwei von denen waren meine Zimmernachbarinnen gewesen. Wir wurden in einen Raum gebracht, in welchem uns das über Monate angesammelte Wissen der Frau abgefragt werden und wir es anschließend ausführen sollten. Doch ehe ich den Raum betreten konnte - ein paar der Frauen waren bereits drinnen -, kam ein Wächter des Vorhofs zu uns gesprintet und stoppte abrupt. Der Atemnot nahe fragte er nach meinem Namen: Anthea. Als ich mich meldete, bat der Wächter mich ihm augenblicklich zu folgen. Ich stellte keine Fragen, da mich dieser Ort erzog, keine Fragen stellen zu dürfen, es sei denn, jemand anderes, meistens ein Mann stellte mir eine. So folgte ich dem Soldaten schweigsam und er brachte mich zu einer Kutsche. Darauf betrat ich diese und setzte mich drinnen hin. Anschließend zog der Wächter die Tür zu und verriegelte sie von außen. Für ihn war es eine Vorschrift, welche ich jedoch zur damaligen Zeit nicht wissen konnte. Ich konnte noch hören, wie der Wächter dem Fahrer mittels seines Mundes das Zeichen gab, worauf die Kutsche sich sofort in Bewegung setzte.

Obwohl ich es nicht wusste, wurde mir so eben das Leben gerettet; oder zumindest das, was ich als mein eigenes Leben bezeichnete. Um dies gerecht erklären zu können, werde ich leider nicht drum herumkommen, etwas über die strukturelle Arbeitsweise des Vorhofes erzählen zu müssen. Zu Beginn einer “Umerziehung”, wie es die dort Arbeitenden nannten, wird von jeder Frau eine Akte angefertigt. Die Unterrichtenden gaben zu jeder Schülerin am Ende einer Woche eine Bewertung, je nachdem, ob sie entweder bereit für die darauffolgenden Lektionen war oder man nachjustieren musste. Die wöchentlichen Bewertungen landeten darauf in den Akten, aber auch Teste, Zeugnisse und Zertifikate der jeweiligen Frauen, wenn man überhaupt von so etwas sprechen konnte. Anhand dieser gesammelten Erkenntnisse wurde halbjährlich eine große Auswertung aller Personen durchgeführt. Nur Mathematiker des hohen Faches durften diese Berechnungen durchführen, da diese Werte zu bestimmen wahnsinnig aufwendig war und man sich keine (verheerenden) Fehler erlauben wollte. Aber das lohnte sich jedes Mal, da so der Vorhof besser planen und einsehen konnte, welche Frau mehr Lehren erhalten musste, um sie so auf den richtigen Weg zu bringen. Sollten jedoch die wichtigsten Werte einer Frau im positiven Bereich liegen und es keine neuen, relevanten Lehren mehr für sie gibt, wird sie in absehbarer Zeit zu dem Raum gebracht, zu welchem ich an diesem Tag hätte hingebracht werden sollen. Sobald alle Frauen im Raum waren und die Tür verschlossen wurde, wurde die Kammer mit einem Gas geflutet, welches in erste Linie die Ohnmacht hervorruft. Soweit nichts “Ungewöhnliches”. Viel interessanter ist hierbei der psychologische Ansatz. Bis heute weiß die Wissenschaft nicht, wie dieses Gas funktioniert, aber im Zustand der Besinnungslosigkeit nimmt das Gehirn, mittels der Ohren Informationen auf und speichert diese ab. Doch wenn der Patient erwacht, hält dieser die Informationen für seine eigene Realität, egal, ob sie der Wahrheit entsprechen oder nicht. Also werden die Betäubten in den eigentlich letzten Raum gebracht, wo sie isoliert werden, sodass keine Worte von außen durchdringen konnten. Anschließend wird den Frauen eine Geschichte erzählt, welche in die Kategorie “faktische Fiktion” passt. Das heißt, ein fiktionales Leben kombiniert mit einigen wahren Ereignissen aus der Landesgeschichte wird ihnen vorgelesen, sodass sie nach dem Aufwachen glauben, sie wären schon immer eine Frau gewesen. Dabei muss jedes noch so kleine Detail erzählt werden, sodass keine (größeren) Lücken entstehen. Zu guter Letzt werden sie in eine Wohnung gebracht, in welchem ein Mann alleine gelebt hatte, davon gab sie reichlich. Schließlich wurde auch der Mann unter dem Gas ausgesetzt, sodass er nach dem Aufwachen glauben würde, dass sie schon immer verheiratet gewesen waren. Natürlich könnte ich noch mehr erzählen, zumal dieses Konstrukt, was ich hier niederschreibe sich nur oberflächlich mit der Thematik beschäftigt. Allerdings bin ich der Ansicht, dass dieses Konzept für meine Geschichte ausreichen sollte.

Die Fahrt zum König dauerte einige Tage. Denn der Vorhof, auch wenn es so klingen mag, grenzte nicht an des Königs Schlosses an; nicht im geringsten. Es war eher ein abgeschirmter Ort mitten in einer der größten Städte des Landes. So viele Menschen gingen täglich an den hohen Mauern vorbei, ohne, dass beide Seiten gegenseitig von uns mitbekamen.

Außerdem schufen die Bewohner keinen Verdacht auf das, was sich hinter den Mauern abspielte. Das Volk wusste zwar, dass der König für die Entführungen der Männer mitverantwortlich war, aber nicht, dass sie in ihre Stadt verschleppt wurden. Seine Berater bezogen den Ort als gelegentliche Urlaubsresidenz, was auch gar nicht so abwegig war, da er mindestens zweimal im Jahr und immer unangekündigt dort aufkreuzte. Und da die Stadt darüber hinaus auch als größtes Handelszentrum des Landes bekannt war und dementsprechend Menschen aus den verschiedensten Regionen und Nationen herlockte, sei es, um sich dort niederzulassen, Handel zu treiben oder die Kultur zu genießen, schien es nur logisch, hier eine Bleibe für den König zu errichten und somit schöpfte niemand einen Verdacht.

Der Ort wurde auch in seiner Gegenwart als Residenz genutzt, nur für mich hatte es aber eher den Eindruck, als wäre er ausschließlich unseretwegen dort gewesen. Denn jede von uns musste nach unten zur Versammlung kommen, wenn der König es verlangte, sodass er jede einzelne selbst inspizieren konnte, um sicherzugehen, dass auch ja nichts mit uns geschah.

Und normalerweise beanspruchte der König die Residenz nur für ein bis zwei Wochen, was auch beim ersten “Treffen” der Wahrheit entsprach. Doch bei den darauffolgenden Malen verweilte er für sechs bis acht Wochen. Die Frauen, welche schon länger an diesem Ort verweilten, tuschelten deswegen ihrer Freizeit untereinander, warum er dies Ungewöhnliche täte. In diesen Zeiten seiner Präsenz habe ich alles Mögliche gehört: von Frauen, die er zu sich einlud, damit sie ihn “verwöhnen” konnten bis hin zur Beobachtung von einer von uns war alles vertreten. Ich hielt mich dabei meist aus diesen Diskussionen raus, zumal ich den König ohnehin verabscheute für das, was er meinem alten Geschlechte angetan hatte. Warum er also mich zu sich schickte, obwohl er wusste, dass ich gelegentlich ein Problem für den Vorhof war - ein kurzer Blick in die Akten hätte schon ausgereicht -, blieb für mich zunächst ein Rätsel.

Die Reise führte mich zunächst quer durch die Stadt. Das Getobe und die lauten Stimmen der Menschen wirkte dabei paradoxerweise beruhigend auf mich, da es etwas Besonderes war, den Lauten fremder Menschen zu lauschen. Unterbewusst hatte mir dies eine gewisse Abwechslung gegeben zu den Menschen, dessen Gehör ich zwei unerträgliche Jahre meines Lebens schenken musste.

Die Bewohner der Stadt selbst konnte ich nicht sehen, zumindest nicht direkt; nur ihre Silhouetten dienten mir als Anhaltspunkt. Der Grund hierfür lag an den Fenstern, welche oberhalb der Einstiegstüren eingeschmolzen wurden. Sie bestanden aus milchigem Glas, womit die Orientierungslosigkeit des Fahrenden hervorgerufen werden sollte. Und in meinem Fall hatte es funktioniert. Später erfuhr ich zusätzlich, dass die Fenster auch dazu dienen konnten, um die Identität des Fahrers geheimzuhalten; so ließ sich unter anderem der König selbst während seiner kontroversen Zeit herumkutschieren lassen.

Anschließend fuhr die Kutsche über Feldwege und an verschiedenen Wiesen in den unterschiedlichsten Farbpigmenten vorbei. Wegen der zahlreichen Schwankungen des Wagens - die ebenfalls zahlreichen Straßenlöcher machten es einen auch nie leicht - hätte ich mich beinahe übergeben, mehrfach sogar, doch wie der Unterricht es mich gelehrt hatte, so sollte ich die Gegenwart eines Mannes respektieren, also warum nicht auch mein Dasein - es hat sehr lange gedauert, bis ich mich von dieser Denkweise gelöst hatte.

In der angebrochenen Nacht endete die Fahrt vorläufig bei einem Wirtshaus. Dort brachten mich zwei Soldaten, welche gemeinsam mit dem Kutscher mitgefahren waren, zu meiner kurzweiligen und laut dem Wirt der besten Bleibe des Hauses. In gewisser Weise hatte er recht damit. Das Zimmer befand sich im zweiten Stockwerk und war dementsprechend das höchstplatzierte. Zugleich befand sich auf dieser Ebene nur dieses eine Zimmer, was im Umkehrschluss bedeutete, dass ich somit die größte Bleibe im gesamten Wirtshaus besaß. Neben einem großen, farbigem Fenster, welches sich unterhalb der spitz zulaufenden Mitte des Daches befand, gab es auch ein breites Bett, auf welchem ich ohne Probleme vier- bis fünfmal hineingepasst hätte, einen eigenen Sessel, Teppich und eigene Toilette, was bis heute für ein Wirtshaus nicht selbstverständlich ist. Natürlich war das Zimmer nicht so elegant eingerichtet, wie es beim Vorhof der Fall war, aber immerhin konnte ich alleine sein, so dachte ich.

Nach kurzem Umsehen sagten mir darauf die Soldaten, dass sie mich jederzeit beobachten müssen, sodass sie sichergehen konnten, dass ich keine Unannehmlichkeiten verursachen würde. Auch musste ich bis auf Weiteres in dem Zimmer bleiben. Ich akzeptierte ihr Vorhaben, zumal ich auch sonst keine Alternativen hatte.

Einer der Soldaten verließ kurzzeitig den Raum, während der Andere mit mir im Zimmer wartete; man wollte wirklich sichergehen, dass ich nicht fliehen sollte. Der Soldat kehrte nach einer gefühlten Ewigkeit wieder zurück und brachte mir ein Tablett, auf welchem verschiedene, kleine Speisen lagen, welche ich jedoch heute nicht mehr benennen kann. Das einzige Detail, was ich über das Essen noch wusste, war, so merkwürdig es sich anhören mag, dass es sehr fett- und kalorienreich war. Wahrscheinlich war die Nahrung deswegen so einprägsam, wenn man einkalkuliert, wie wenig ich auf dem Vorhof essen durfte, um bloß nicht die maximalen Körpermaße zu überschreiten. Dementsprechend lag mir das Mahl schwer im Magen, weswegen ich mich auf mein Bett hinlegte und auch für den restlichen Tag nicht mehr aufstand; dies lag aber hauptsächlich an der Müdigkeit. Und ehe ich mich versah, so schlief nach kurzer Zeit ein.

Als ich nächsten Morgen aus dem Bett stieg und dabei bemerkte, dass ich vergessen hatte, mir die Klamotten auszuziehen, brachte mir einer der Soldaten einen Haferbrei zum Frühstück. Absolut widerlich im Geschmack, zum Teil sogar bis heute, aber da ich mich noch in einer Art Schlaftrance befand, merkte ich diese Ungenießbarkeit gar nicht.

Anschließend brachten mich die Soldaten wieder nach unten zu Kutsche, wo sie mich baten, wie auch schon am Tag zuvor, einzusteigen.

Danach wiederholte sich der Prozess aus Reisen, in der Nacht in einem Wirtshaus unterkommen, essen und schlafen noch zwei weitere Male. Und am späten Nachmittag des vierten Tages erreichten wir die Hauptstadt des Landes, in welchem der König residierte. Die Kutsche fuhr dabei an verschiedensten Orten und Sehenswürdigkeiten vorbei, welche ich erst viel später kennenlernen sollte.

Als die Kutsche ihr Ziel erreichte, es war im Vorhof des Königs Schlosses, forderte einer der mitgekommenen Soldaten mich dazu auf, auszusteigen und ihm zu folgen. Nachdem ich die Kutsche verlassen hatte, kamen noch mindestens vier weitere Soldaten, welche sich alle um mich stellten. Ich konnte zwar schon in gewisser Weise erahnen, dass dies dem Schutz diente, jedoch stellte ich mir nicht zu Unrecht die Frage, warum man diesen Aufwand für eine einfach wirkende Frau betreiben sollte. Zumal ich am ehemaligen Vorhof bereits ohne jegliche Begleitung diesen Schutz nicht benötigte, beziehungsweise dieser als nicht nötig erachtet wurde. Wobei eigentlich, jetzt, wo ich mich regressiv daran erinnere, der Vorhof eine eigene, fast schon unabhängige Gesellschaft war, in welcher keine größeren Gefahren lauerten. In der Wirklichkeit hingegen existierten nicht zu unterschätzende Gefahren, weswegen ich mir die Begleitung der Soldaten mit diesem Gedankenspiel begründete. Und auch wenn dies grundsätzlich nicht falsch war und ist, so wurden mir die Soldaten aus einem völlig anderem Grund zugeteilt, auf welchen ich jedoch gerne zum Ende der Geschichte eingehen werde.

Jedenfalls brachten mich die Soldaten zunächst einmal durch den gesamten Vorhof hindurch bis ins Schloss hinein, worauf die kurze Wanderreise durch die verschiedensten Winkeln und Ecken dieses gewaltigen Gebäudes hindurchgingen. Zunächst dachte ich, dass ich dem König vorgestellt werden sollte, doch stattdessen brachten sie mich in ein Zimmer, von welchem ich zu Beginn keine Ahnung hatte, wie wichtig dieses für mich einst werden sollte. Ausgestattet mit einer zahlreichen Ansammlung von Bücherregalen, zwei Sesseln, einem gewaltigen, roten Teppich, auf welchem ein Muster eingenäht wurde, welches ich später als Mosaik deuten würde, Kamin und eine Agglomeration verschiedenster Gemälde, von denen aber einige abgedeckt waren, nur auf der ersten Etage, führte eine Treppe weiter nach oben in den Raum auf eine Holzebene, auf welchem ein großes Bett lag, darüber hinaus auch noch weitere Bücherschränke und eine Art Geländer, von welchem man aus in den vorderen Teil der unteren Etage blicken konnte. Ausgeleuchtet wurde das Zimmer von einem voluminösen Fenster, an dessen Spitze sich ein in Kreisform eingearbeitetes Buntglasgemälde befand, in dessen Mitte sich das bekannte Symbol der Religion aufhielt.

Meine Augen waren immer noch von der bombastischen Faszination überwältigt gewesen. Doch auf einmal wurde ich wieder in die Realität zurückgebracht, als die Zimmertür hinter mir mit einem lauten Knall zugemacht wurde. Dabei erwartete ich schon, dass ein Schlüsselbund gezogen und die Tür verschlossen wurde, zumal ich es in den zwei Jahren auch nicht anders kannte. Doch das sehnsüchtige Geräusch trat nicht ein, weswegen ich zunächst nervös wurde und anfing zu schwitzen. Ein Verlangen in mir wollte, dass ich erniedrigt werde und als Gefangene gehalten werde, so wie es auch im Vorhof der Fall war. Ich realisierte es damals noch nicht, aber diese unterschwellige Unterdrückung, unter der ich lange Zeit ausgesetzt war, obwohl ich mich gegen diese so gut ich es konnte gewehrt habe, ließ mich dennoch völlig vergessen, dass ich mal so etwas wie eigene Freiheit hatte.

Ich versuchte mich dementsprechend zu entspannen, indem ich durch einige Bücher aus den Regalen durchblätterte, in der Hoffnung, etwas Perfektes zu finden. Doch ich wurde relativ schnell enttäuscht, da ich nichts anderes als Wörter und gelegentlich schwungvoll gemalte Buchstaben auf den Seiten fand. Aus heutiger Sicht ist dies nicht mehr dramatisch für mich, aber zur damaligen Zeit war ich des Lesens absolut nicht mächtig. Aber irgendwann habe ich es geschafft ein paar Bücher zu finden, welche zumindest ein paar Zeichnungen beinhalteten. Somit war ich nach einiger Zeit beruhigter, als ich es zu Beginn war, dennoch traute ich mich nicht, die Zimmertür zu öffnen. Natürlich wegen der Angst vor dem Unbekannten, aber auch davor, dass ich bestraft werden konnte, wenn ich mich den Soldaten widersetzte, obwohl sie mir nicht befohlen hatten, dass Zimmer nicht verlassen zu dürfen. Zum Glück Dämmerte es, sodass ich mich mit diesen Fragen nicht mehr auseinandersetzen musste, da meine Müdigkeit einsetzte. So machte ich mich zum Bett auf in die zweite Etage, legte mich hin und schlief nach einigen kleinen Problemen mit meinen Gedanken ein.

Am nächsten Morgen erwachte ich nicht von einem Personalleiter, wie ich es ehemalig gewohnt war, sondern stattdessen durch das Krähen der Hähne, welches jedoch eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Gewohnheit hatte.

Ich erhob mich von meinem Bett, ging die Treppe nach unten und erschrak mich. Eine ältere Dame, gekleidet wie eine Zofe, weil sie auch eine war, stand dort, wartend auf meine Ankunft. Zunächst war ich peinlich gerührt und entschuldigte mich trotz des anhaltenden Schocks auf der Stelle, aus der, wie könnte es auch nur anders sein, Gewohnheit wegen. Doch als ich in ihr Gesicht blickte, unterbrach ich meinen Redefluss. Ihre Mimik strahlte eine Gelassenheit und Freude aus, was ich in diesem Ausmaß der absoluten Schönheit noch nie wahrgenommen habe, als ob sie mir sagen wollen würde, “Es ist schön, in ein so bekanntes und doch neues Gesicht zu sehen”, und, “Du musst dich nicht vor mir rechtfertigen, meine Liebe. Es ist alles gut”. Darauf fragte sie folgendes: “Sind sie so weit oder brauchen sie noch ein bisschen Zeit?”. Ihre Frage brachte mich zum Weinen. Für mich ist es heutzutage banal, aber damals war es nicht selbstverständlich, dass sich jemand um mich mit so einer Fürsorge kümmerte, weswegen ich nicht anders konnte, als mich in ihre Arme fallen zu lassen. Ich versuchte so sehr meine Sentimentalität zu unterdrücken. Doch je mehr ich dagegen ankämpfte, desto intensiver wurde die Erfahrung für mich. Und dennoch blieb die Zofe gelassen, setzte sich sogar hin und tröstete mich, während mein Kopf wie bei einem Kind in ihrem Schoß lag; ein Gefühl, dass ich später noch gut kennenlernen sollte.

Gemeinsam gingen wir nach meinem kleinen Zusammenbruch in eine Art Waschraum, in welchem ich von der Zofe gewaschen wurde, damit auch ja keine Stelle unsauber blieb. Die Zwischenzeit nutzte ich, um mich mit ihr zu unterhalten, was Emotional gemessen unendlich gut für mich tat. Nachdem sie mich ebenfalls gründlich abgetrocknet und ein Gewand aus einem langen Tuch um mich gelegt hatte, welches jede noch so intimste Körperstelle abdeckte, brachte sie mich in eine Art Umkleideraum. Zahlreiche Kleider befanden sich in diesem, von denen ich eine freie Auswahl bekommen sollte. Aus meiner Überforderung wegen ließ ich die Zofe diese Wahl entscheiden lassen.

Nachdem ich in mein Kleid eingekleidet wurde, welches ich trotz der heutzutage protzigen Segmente wunderschön fand, wurde ich zum Speisesaal gebracht und bis zu meinem Sitzplatz begleitet. Darauf sagte mir die Zofe, dass, wenn etwas sein sollte, ich sie jederzeit rufen sollte; sie wartete draußen vor der Tür.

Ich saß am einen der beiden Tischenden und überflog mit meinem Blick die Speisen, welche in weiten Abständen verteilt waren. Dafür sahen sie um so appetitlicher aus; verschiedenste Teile eines Schweines und einer Kuh, dickliche Bohnen, Kürbispastete und eine Auswahl an gekochtem Gemüse in einem Topf waren dabei die prägnantesten Mahle, welche sich anscheinend in meinen Kopf eingebrannt haben, ansonsten würde ich nicht über diese schreiben.

Dennoch wirkte diese Szenerie so unnatürlich. Denn anstatt meiner Erwartung, dass am mir gegenüber liegenden Tischende der König saß, so stand dieser am Ende des Raumes und blickte aus dem Fenster. Und ebenfalls gegen meine Erwartungen wirkte dieser nicht wohlgenährt und trug nichts Königliches an sich. Er wirkte schlank, fast schon unterernährt und trug Klamotten, die eher an die Tageskleidung eines Bauern, als eines Königlichen erinnerten.

Ein weiteres Mal wurde meine Vorahnung gebrochen, als ich in sein Gesicht sah. Anstatt Schminke, geschweige denn ein gepflegtes Gesicht, so blickte ich auf ein Werk, dessen ansehnliche Tage scheinbar hinter sich lagen. Es wirkte kreidebleich, beinahe tot, mit einem wild gewachsenem Bart, zwar wenige Zentimeter lang, welcher jedoch mit einer Schere selbstgeschnitten worden ist. Und als er zum Tisch hinüberkam und sich hinsetzte, konnte ich seine glasigen Augen erkennen und seine improvisatorische Frisur, welche ebenfalls selbst geschnitten wurde.

Ich hatte in der Zwischenzeit nichts von den Speisen angerührt, da die Umerziehung mir suggerierte, dass ich erst die Mahle zu mir nehmen durfte, wenn der Mann es mir erlaubte. Also starrte ich die ganze Zeit über den König an und wartete auf eine Antwort. Auch wenn meine Mimik dies nicht offenbarte, so hatte ich immer noch einen (unbändigen) Hass auf ihn, für das, was er mir angetan hat.

Auf einmal entschuldigte sich der König vor mir und habe kurzzeitig vergessen, von wo ich kam, weswegen er mir erlaubte zu speisen. Ich fragte ihn noch was auf dem Tisch ich essen durfte, worauf er die Frage mit einem, “Alles natürlich”, antwortete. Unsicher davon, ob er nicht Sarkasmus oder etwas Ähnliches anwendete, griff ich langsam und vorsichtig nach dem gekochtem Gemüse und legte mir ein klein wenig davon auf mein Porzellan.

Es war schon sehr ungewöhnlich gewesen, dass der König anscheinend auf eine “unterwürfige Frau” wie mich gewartet und noch nichts vom Essen zu sich genommen hatte. Und als ich die Gerichte in mir aufnahm, nahm der König keinen einzigen Bissen zu sich. Er ließ mir die freie, vollständige Auswahl, während er wortwörtlich nichts anderes tat, als mich anzusehen. Ich schaute dabei immer wieder weg von ihm.

Zum ersten Mal nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich mich bis zum Anschlag mit Essen vollstopfen. So viel, dass ich, so meine ich mich zu erinnern, mich beinahe übergeben musste. Der König fragte mich, als ich mich von meinem Stuhle erhob, oder es zumindest versuchte, ob er mich irgendwo hinbegleiten wollte. Da ich jedoch davon ausging, dass dies nur ein billiger Trick seinerseits war, lehnte ich sein Angebot passiv-aggressiv ab. Während ich zur Tür und damit zum Ausgang zurücklief, konnte ich merkwürdigerweise spüren, wie der König zwar stehen blieb, mir jedoch hinterherschaute. Ich ignorierte jedoch weiterhin dieses Gefühl, machte mich auf den Weg nach draußen, Hauptsache weit weg vom König und zog die Tür ins Schloss.

Draußen wartete bereits die Zofe auf mich und brachte mich zurück in mein Gemach. Auf dem Weg dorthin, welcher aufgrund meines angeschlagenen Magens langsamer vonstattenging, fragte sie mich, wie es denn beim König so war, worauf ich ihr meine Empfindungen und Gefühle offenbarte, welche ich in diesem Text eben benannt habe. Sie sagte, dass sie mich grundsätzlich verstand, ich ihm aber eine Chance geben sollte. Immerhin hatte sie nicht ganz Unrecht gehabt, dass wir kaum ein Wort miteinander ausgetauscht haben. Als ich sie darauf fragte, ob sie wüsste, warum ausgerechnet sich der König höchstpersönlich für eine Frau wie mich interessierte, antwortete sie darauf, dass sie es wüsste, es jedoch nicht verraten darf. Zusätzlich meinte sie noch, dass ich den Grund erst erfahren sollte, wenn die richtige Zeit dafür gekommen ist.

Im Gemach angekommen bat mich die Zofe darum, dass sie mich jederzeit rufen solle, wann immer ich es für nötig hielt. Darauf war ich wieder alleine.

Wie auch schon am vorherigen Tag, so versuchte ich wieder meine Zeit totzuschlagen, indem ich durch die Bücher durchblätterte und mir erneut Bilder ansah, anstatt die Texte zu lesen. Während ich dies tat, dachte ich mir dabei, dass der König wohl gut belesen sein musste, so viele Bücher, wie er besaß. Später sollte ich erst erfahren, dass dies nicht stimmen sollte.

Die Offenbarung

Die darauffolgenden Tage waren aus der Sicht meines damaligen Ichs durch und durch befremdlich. Nicht nur öffnete ich mich freiwillig gegenüber dem König, sondern verbrachte Tag auf Tag mehr aktive Zeit mit ihm. Anfangs war das natürlich nicht leicht, da ich meinen Hass auf das, was er mir (indirekt) angetan hatte, schlimmstenfalls unterdrücken und bestenfalls verdrängen musste. Doch je mehr Zeit ich mit dem König verbrachte, desto immer weit hergeholter wurde der Gedanke, dass er im verborgenen Männer entführt und sie in Frauen verwandeln ließ. Denn sein Verhalten gegenüber mir wirkte sehr freundlich; es war schon fast eine exzentrische Höflichkeit, die ich so niemals von ihm erwartet hätte.

An diesen Tagen führte er mich durch das Schloss herum und zeigte mir alles, was es so zu sehen gab, sodass ich mich besser zurechtfinden konnte. Auch fragte er mich des Öfteren, was ich unternehmen wollte. Auf die Frage hin, warum er dies so oft tat, antwortete er mir, dass er eine Frau haben möchte, die “eigenständig denken und handeln kann, ohne auf die Anwesenheit eines Mannes abhängig zu sein”. Auf die zweite Frage jedoch, warum er so denke, gab er mir keine andere Antwort als, “Du wirst es schon beizeiten verstehen”.

Auch bei den gemeinsamen Mahlen saß er nun viel näher an mir dran und diese Zeit nutzten wir, um uns über unsere eigenen Meinungen und Ansichten auszutauschen. Dabei gab er sich viel Mühe, sodass ich auch das Maximum aus meinem damaligen Sprachgebrauch herausbekam. Eine Eigenschaft, von welcher ich später unglaublich besessen werden sollte.

Auch las er mir jeden Abend aus den Büchern in meinem Zimmer immer etwas vor. Zwar nicht besonders lang, da er immer Kopfschmerzen bekam, wenn er über einen längeren Zeitraum las, aber er nahm dieses Opfer trotzdem für mich in kauf. Und in dieser Zeit empfand ich in gewisser Weise Gefühle für ihn. Dabei war es so gut wie unmöglich, meine ehemaligen, schlimmen Erinnerungen an ihn in den Vordergrund zu stellen. Ich wusste im Inneren, dass ich wütend sein sollte, nein musste, und doch konnte ich es nicht mehr ernst nehmen. Ob ich ihn dabei wirklich liebte, so wie er mich vergötterte oder ob es eher eine freundschaftliche Zuneigung war, kann und konnte ich nicht sagen.

Und irgendwann sollte sich ein Tag in meinem Leben ereignen, der meine gesamte Sicht auf den König, auf mich und auf die “Frauen” für immer veränderte. Der Einfachheit und meiner Liebe zur Dramaturgie halber nenne ich ihn den “Tag der Offenbarung”.

Zunächst begann der Tag recht gewöhnlich und es war nichts Auffälliges zu finden. Die Zofe bereitete mich vor, indem sie mich in eines meiner Lieblingskleider einzog und mein Gesicht, wie immer, frisch machte. Dabei ist mir jedoch aufgefallen, dass sie etwas nervöser wirkte, als üblich. Allerdings ging ich nicht darauf ein, da ich gedacht habe, dass es aus ihrer Sicht etwas Nebensächliches war, welches schon bald im Winde verwehen sollte.

So machte ich mich, nach ihrer getanen Arbeit auf dem Weg zum Speisesaal, setzte mich an meinen typischen Platz, der König saß bereits neben mir und speiste. Auch er wirkte leicht nervös, was mich innerlich etwas verunsichern ließ. Dennoch ließ ich es geschehen, ging somit ein weiteres Mal nicht darauf ein und legte mir allerhand Speisen auf mein Porzellan.

Ich wurde noch mehr unsicherer, als der König des gesamten Essens mir gegenüber kein einziges Wort sagte. Es wirkte sehr untypisch für mich, da er von uns beiden das regelrechte Plappermaul war, ohne dass es für mich jedoch zu viel wirkte. An diesem Tag aber war er so schweigsam wie ein Stein und irgendwie traute sich keiner von uns, diese Stille zu durchbrechen.

Doch meine inneren Bitten wurden erhört, als der König gegen Ende des Mahls sagte, dass er mir etwas zeigen müsse. Darauf erhob er sich von seinem Platz, zog meinen Stuhl zurück, nahm meine Hand (und half mir somit aufzustehen) und gemeinsam gingen wir zur Tür. Dort hindurch gekommen, stand bereits die Zofe auf der anderen Seite des Ganges. Vom König wurde sie gefragt, ob alles schon vorbereitet war, was sie mit einem nickenden Kopf und einem ausgesprochenem “Ja” bestätigte. Wie erwartet, so war ich erst einmal verwundert. Ich wollte nachfragen, was denn los sei, aber ich traute mich nicht.

Gemeinsam mit der Zofe gingen wir durch das Schloss zu meiner Schlafkammer. Dort angekommen standen bereits an der Wand, an welcher sich der Kamin befand, mehrere Bedienstete, welche je ein Seil in ihren Händen hielten, welche mit etwas über ihnen festgebunden waren. Jetzt traute ich mich endlich zu fragen, was denn los sei. Darauf brachte mich der König zu einem der Sessel und deutete an, mich auf diesem zu setzen. Er sagte mir nur, dass es jetzt endlich Zeit wäre. Mit einer Handbewegung gab er den Bediensteten das Signal, worauf sie an den Seilen zogen. Wie zu erwarten wanderte mein Blick hinauf auf die Anhöhe, auf welcher sich die Gemälde befanden. Dabei fiel mir erst in diesem Moment auf, dass ich mir nie die Frage gestellt habe, was sich hinter den Abdeckungen befand, welche einige Gemälde hatten; zu sehr hatte ich mich an diesen Anblick gewöhnt. Die Verdeckungen wurden heruntergezogen und eine Reihe weiterer Gemälde wurden in meinem Blickfeld gesichtet. Und was ich dort sah, verwunderte mich zunächst.

Bei den offenen Gemälden war in den meisten Fällen der König alleine, also als Selbstporträt zu bestaunen. Gelegentlich waren auf ein paar dieser noch weitere Personen zu sehen, welche ich damals nicht kannte, aber sonst blieb es recht überschaubar. Doch auf den enthüllten Gemälden war immer die gleiche Frau abgebildet; sowohl alleine, als auch mit anderen Personen, meistens dem König. Die Anwesenheit dieser Frau hatte mich dabei weniger erschüttert, als die Tatsache, dass ihr Gesicht viele Ähnlichkeiten mit meinem hatte. Dementsprechend war ich vom Gefühl überwältigt worden, dass es sich so anfühlte, als würde ich in ein Spiegelbild, in mein eigenes hineinsehen.

Der König bat seine Bediensteten, einschließlich meiner Zofe, den Raum zu verlassen, damit wir unter uns sein konnten. Als die Türen zugezogen waren, erzählte er mir alles, was ich wissen musste.

Einst hatte der König eine Frau gehabt, welche er um alles liebte. Zu einem Großteil auch deswegen, weil sie ein Gegenentwurf zu den anderen, durchschnittlichen Frauen darstellte: gebildet, belesen und am herausstechenden, rebellisch, beziehungsweise sich gegen die Norm der Gesellschaft wehrend. Dabei sollte der König ursprünglich nicht sie, sondern jemand anderes heiraten, welche sich beide nicht einmal wirklich ausstehen konnten. Also setzte er sich gegen seine und sie gegen ihre Familie durch und heirateten, was gerade im hohen Kreis der Gesellschaft kontrovers diskutiert wurde. Dennoch waren sie stark ineinander verliebt und wollten es auch bleiben, trotz aller Widerrede; man hat, nur als eine von vielen Beispielen, ihnen unter anderem, irrsinnig hohe Summen angeboten, damit sie ihr gemeinsames Zusammensein auflösen sollten. Doch so sehr die hohen Kreise es verzweifelt versuchten, beide lehnten alle Vorhaben ab. Also gaben die Hochgestellten irgendwann ihre Versuche auf und mussten sich geschlagen geben. Doch es gab Leute, welche das Vorhaben des Königs weiterhin nicht anerkennen wollten. Welche Leute es waren, geschweige denn, ob es überhaupt ein Kollektiv war, kann bis heute nicht bestätigt werden. Jedoch liegt die Vermutung nahe, dass einer oder viele aus dem hohen Kreis jemanden angeheuert haben, die Königin zu ermorden; auch die Identität des Mörders ist weiterhin unklar. Unabhängig davon, das Ziel war damit (wahrscheinlich) erreicht: des Königs Gemüt zu brechen und alles mit ihm zu machen, was man sich vorstellen konnte. So mussten unter anderem reichere Menschen weniger Abgaben bezahlen, während die ärmere Bevölkerung noch mehr ausgeschlachtet wurde. Auch er war, durch die Beeinflussung seiner “Berater”, indirekt dafür verantwortlich, warum mein Leben sich schlagartig veränderte. Denn er war es, der verordnen ließ, unbedeutsame, meist obdachlose Männer zu entführen und in Frauen zu verwandeln. Denn das Land hatte schon seit längerer Zeit ein Problem damit, Frauen ordentliche Rechte zuzuschreiben, beziehungsweise ihnen überhaupt Rechte zu geben. Erfolg war immer eine Sache der Männer gewesen und so verbreitete sich schon vor meiner Zeit der Gedanke, dass ein Mädchen großzuziehen Zeitverschwendung sei, da man mit ihr in der Zukunft nichts anstellen könnte. Und so kam es nicht allzu selten vor, das Mädchen unmittelbar nach ihrer Geburt getötet - was lange Zeit sogar straffrei war -, an ein Waisenheim gegeben oder für Geld außerhalb der Landesgrenzen gebracht wurden. Ein Zwischending, abseits davon, dass sich einige tatsächlich trauten, ein Mädchen zur Frau heranzuwachsen, gab es nicht. Anstatt aber den Frauen ordentliche Rechte zu geben, klebte man auf metaphorischer Ebene ein Verband drüber, welches für noch mehr Probleme sorgte. Denn der ohnehin schon gewaltige Hass auf den König wurde nur noch größer, als man die Entführung regelrecht mit eigenen Augen sah, da die Soldaten sich nicht einmal Mühe gaben, dies zu verschleiern, zumindest am Anfang nicht. Gebracht wurden sie, wie auch ich, zum Vorhof. Jedoch werde ich nicht weiter auf die Prozesse eingehen, da ich sie schon ausführlich genug beschrieben habe.

Viel interessanter hingegen ist ein Aspekt, welchen ich ein Kapitel zuvor kurz angedeutet habe. Damit niemand einen Verdacht schöpfte, dass das neue Gebäude in einem der wichtigsten Städte des Landes nicht etwas Geheimes zu verbergen hätte, wurde es von Beratern als “temporäre Urlaubsresidenz” angegeben und der König benutzte diese, wie angemerkt, mindestens zweimal im Jahr. Allerdings ging er nur dorthin, um das Spiel der Berater mitzuspielen, damit die versteckte Operation nicht aufflog. Und so tat er es für einige Jahre, ohne wirkliche Emotionen an diesem Ort empfinden zu können. Solange, bis ich auftauchte. Als er mich das erste Mal gesehen und inspiziert hatte, hat er sich zunächst nichts Weiteres von mir Gedacht. Es wirkte in seinen Gedanken zwar so, als habe er mich schon mal irgendwo gesehen, aber er dachte zunächst, dass es nur eine Einbildung war. Erst gegen Ende des Tages, als er nach dem Bericht nachfragte, wurde ich besonders erwähnt. Zwar zeigte ich, so laut dem Bericht, gute Ergebnisse, aber ich zeigte noch so etwas wie einen Willen, wenn auch eher im kleineren Maße und sehr versteckt. Diese Worte, in Kombination mit der Skizze meines Gesichtes sorgte beim König schließlich dafür, dass er sich an seine längst verdrängte Frau wieder erinnerte. Plötzlich wollte er alles über mich herausfinden und wurde damit belohnt. Als es dann nichts mehr Außergewöhnliches über mich zu erzählen gab, nutzte er jede Chance, die er kriegen konnte, um mich aus dem versteckten heraus beobachten zu können. Er verliebte sich sozusagen in mich, weil ich etwas hatte, was der König zuletzt bei seiner Königin verspürt hatte. Sogar als der König weiter weg in seinem Schloss verweilte, war es für ihn schon fast schmerzhaft, mich nicht sehen zu können. Er wollte mich sogar schon sehr früh aus dem Vorhof herausholen, allerdings traute er sich nicht, aus Angst, dass seinen hohen Leuten dies nicht gefallen würde, da er immer noch in der Gedankenwelt versunken war, ein “Ein-Und-Alles” für Jedermann zu sein. Es sollte also noch anderthalb Jahre dauern, ehe er sich über seine Angst erhob und veranlasste, mich zu ihm zu bringen. Der Rest ist Geschichte.

Wobei meine Geschichte noch nicht vollständig auserzählt wurde.

Wimpernschläge

Nachdem er mir seine gesamte Geschichte vor mir auserzählt hatte, wusste ich zunächst nicht, wie ich darauf antworten sollte. Ich konnte förmlich spüren, dass er Liebesgefühle für mich empfand und ich auch in gewisser Weise für ihn. Dennoch wirkte ich mit dieser Situation stark überfordert. Also ließ mir der König Bedenkzeit, damit ich für mich selbst und ohne Einflüsse von irgendjemanden die Frage beantworten konnte, ob ich mit ihm an seiner Seite sein möchte oder nicht. Nur ich allein musste für mich selbst entscheiden, was ich wollte. Und so dachte ich eine lange Zeit darüber nach.

Und nach Tagen der Überlegung kam ich dann zum Schluss, dass ich mit ihm gemeinsam sein möchte. Das wirkt jetzt zunächst wie das typische Klischee einer Romanze, dass die Frau sich Hals über Kopf in den Mann verliebt, welchen sie zuvor verabscheute. Und grundsätzlich ist das auch nicht falsch, aber die reale Antwort ist, wie die Menschen selbst, komplizierter. In der gesamten Zeit, als ich ihn näher kennenlernen konnte, als jeder andere meines Standes, ist mir bewusst geworden, dass wir ähnliche Ansichten und Meinungen teilten. Auch behandelte er mich, als Frau, gegen meine Erwartungen mit Respekt und ließ mich öfters zu Wort kommen, als ich dachte. Und allein diese beiden Eigenschaften waren (gefühlt) bei den anderen Männern, gerade aus der breiten Masse, welche stark konservativ geprägt war, nur sehr selten vertreten. Dementsprechend fiel meine Antwort auf das Ja, worüber sich mein König sehr freute.

Die darauffolgenden Monate vergingen in einer Geschwindigkeit, wie ich sie noch nie zuvor gespürt hatte: Ein gewaltiges Fest, tagelang, wurde veranstaltet, noch dazu haben wir beide geheiratet und ich wurde danach zu Lese-Und-Schreib-Stunden verpflichtet. Ich konnte mich zwar noch daran erinnern, wie ich diesen Unterricht anfänglich gehasst habe, aber es sollte sich später als vielseitig einsetzbares Werkzeug herausstellen, mit welchem ich nicht nur Inhalte wiedergeben, sondern auch mein Wortgut immens erweitern konnte. Und während ich weiterhin die Grammatik, Zeichensetzung etc. lernte, geschah etwas Unerwartetes. Etwas, dass ich als Frau scheinbar verdrängt habe, wozu ich dennoch fähig war: Ich wurde schwanger.

Voller, gemeinsamer Vorfreude warteten wir beide sehnsüchtig auf die Geburt, während ich mich weiterhin mit dem Lernen meiner Sprache beschäftigte. Als ich dann schlussendlich das Kind auf die Welt presste und es mit meinen eigenen Augen sah, konnte ich nicht anders, als zu weinen; in einem doppeldeutigen Sinne. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, mein eigenes, in mir zuvor gewachsenes Leben in den Händen zu halten. Allerdings handelte es sich bei meinem Kind um ein Mädchen, was es womöglich in der Zukunft sehr schwer haben wird, anerkannt zu werden. Deshalb setzte ich mich seit diesem Tage an, so gut ich es konnte, für die Rechte von Frauen und Mädchen ein. Ich tat es nicht nur für meine Tochter, sondern auch für das weibliche Volk dort draußen, welches darunter mehr zu leiden hatte, als der gehobene Adel. Und wie so oft bei Veränderungen, so wollten zunächst diejenigen, welche von diesen “Lücken” profitierten, dies nicht wahrhaben wollen und setzten alles daran, dies zu verhindern. Doch gemeinsam mit meinem Mann setzten wir uns gegen sie durch und führten im gesamten Land die ersten Gesetze und Rechte für Frauen und Mädchen ein. Vereint wurden sie unter dem meiner Meinung nach nicht so gut gewählten Namen ”Volksweib-Gesetz”, welches sogar in einigen Nationen außerhalb der Landesgrenzen Anklang fand.

Natürlich mag es im ersten Moment klingen, als wäre die Einführung dieser Gesetze keine große Sache gewesen. In Wahrheit war es ein sehr langsamer, schleichender und anstrengender Prozess gewesen, welcher sich über etliche Jahre hindurch streckte. Aber selbst in diesen Zeiten wollte ich mich nicht auf dieses eine Thema festsetzen lassen. Stattdessen habe ich etwas getan, das sogar für gebildete Männer äußerst bizarr war: Für jedes meiner Schwangerschaften und dessen Zeiten danach habe ich jeweils eine neue Lehre angestrebt, in welchem ich meine Fähigkeiten, mein Wissen und meinen Horizont erweitert habe. Bei meinem ersten Kind war es die Lehre der Sprache gewesen, beim zweiten Kind war es die Lehre der Mathematik, beim dritten die Astrologie und beim vierten und vorerst letztem Kind die Alchemie. Selbst für eine Frau des gehobenen Standes, so weiß ich, ist dies nicht eine Selbstverständlichkeit, solche Tätigkeiten nicht nur zu erlernen, sondern auch in der Regelmäßigkeit anzuwenden. Denn, ja, ich tat dies nicht, weil ich eine Gegensätzlichkeit zur Gesellschaft sein wollte, sondern weil meine Eigensinnigkeit, Unabhängigkeit und Entdeckungssucht mich dazu trieben, diese Tätigkeiten mit einer Leidenschaft auszuleben, welche ich schon weit vor meiner Veränderung niemals so intensiv erlebt hatte.

Und nun befinde ich mich mit meinem Mann und meinen Kindern in den privaten Gemächern des Vorhofes. Die Entführungen fanden schon seit einiger Zeit nicht mehr statt und als die letzten Frauen den zugehörigen Männern zugewiesen wurden, gab es für den Vorhof, abgesehen von der Urlaubsresidenz keinerlei Verwendung mehr. Bis der König veranlasste, komplexe bauten daran vorzunehmen, sodass es als temporäre Bleibe für Leute diente, welche etwas mehr zahlten, im Gegenzug aber auch deutlich höhere Standards geboten bekamen, als bei der Konkurrenz: Den stark verbreiteten und dementsprechend auch massentauglichen Wirtshäusern. Als der Vorhof jedenfalls “neu eröffnet” wurde, stürzten sich unsagbar viele Personen auf dieses neue Gebäude. So viele, dass die Zimmer für Monate im voraus restlos ausgebucht waren. Dazu muss man nämlich wissen, dass es solche Bleiben zwar schon vorher gab. Dass aber solch eine Bleibe der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, das gab es zuvor noch nie.

Ich denke, dass ich jetzt endlich alles gesagt habe, was es zu sagen gibt. Natürlich könnte ich noch über so viel mehr erzählen, aber selbst eine Frau wie ich hat ihre Grenzen. Deshalb werde ich, nachdem ich diesen letzten Eintrag fertig geschrieben habe, die verbleibende Zeit des Tages dafür nutzen, mit meinem Mann und unseren Kindern den Sonnenuntergang anzusehen, während wir einen perfekten Panoramaausblick auf die Stadt haben.

P.S.: Wer auch immer in naher oder ferner Zukunft sich die Zeit für meine Texte nehmen wird, für den möchte ich mich im Voraus vom ganzen Herzen bedanken. Denn diese Einträge sind ein Herzensprojekt für mich gewesen, um mit meiner Vergangenheit endlich abzuschließen.


This is for Them, for Him, and for Her


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